“Identitätswechsel”

In die äußere ‚Haut‘ eines anderen Menschen zu schlüpfen ist eine seltsame und reizvolle Erfahrung. Auch wenn die Kleidungsteile ursprünglich in hoher Auflage für eine anonyme Käuferschaft produziert wurden, erfahren sie eine individuelle Prägung, sobald sie in den persönlichen Besitz eines Menschen übergehen. Sie sind dann nicht mehr nur anonyme Gegenstände - an ihnen haften Spuren der Physis, des Geruchs, der Haltung, der Attitude und des Lebensstils der jeweiligen Person. In diesem kleinen Experiment haben wir die Hüllen getauscht und uns so für einen kurzen Moment an die Stelle eines anderen Menschen versetzt. Das war der Beginn unseres Projekts - ‚REANIMATION - WIEDERBELEBUNGSMASSNAHMEN‘.

 

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Sammelaktion
Wir haben einen speziellen Container eingerichtet und darin gebrauchte Kleidung gesammelt. Bei der Abgabe erhielt jeder Spender eine Identifikationsnummer, die später für die individuelle Verfolgung des jeweiligen Kleidungsstücks verwendet werden konnte.
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Archivierung

Bei der Sammelaktion erhielten wir eine überraschend große Zahl von Kleidern, Schuhen, und Accessoires. Die Bandbreite reichte von ganz gewöhnlicher Alltagskleidung, bis hin zu bizarren, absurden, „Eintagsfliegen“ wie Faschingsröckchen, Lamettaperücken, oder Strumpfhosen etc. All das füllte unser Archiv. Zunächst wurden alle Kleidungsstücke gereinigt und gebügelt.
Dann wurden die einzelnen Kleidungsstücke in ihrer Aufnahmefolge fotografisch dokumentiert. Von jedem Stück wurde ein individuelles Datenprofil erstellt. Es enthielt umfangreiche Informationen über die Art des Kleidungsstücks, den Namen des Spenders (aus Datenschutz-Gründen selbstverständlich anonymisiert), die verwendeten Materialien, die Farbe, den Schnitt usw.

Modernste Technik kam jetzt zum Einsatz. Die erlangten Informationen wurden auf RFID´s , so genannten Transpondern, gespeichert. Das sind einfache Microchips, die Daten speichern können. Das besondere an ihnen: Die in ihnen gespeicherten Daten lassen sich einfach über einen Sensor ablesen. Jeder dieser „tags“ in unserem System beinhaltet eine 10 stellige Nummer. Diese ist mit der umfangreichen Datenbank verknüpft, die im Laufe des Projektes entstanden ist. Hält man nun einen dieser Transponder an ein einfaches Lesegerät, dann sind die auf ihm gespeicherten Informationen wieder abrufbar. Wir haben diese Technik bewusst deshalb ausgesucht, weil sie einfach und preiswert ist. Und für ein Projekt, dass sich mit Mode beschäftigt, einfach ideal. Die RFID´s sind simpel und langlebig. Man kann sie sogar waschen, ohne dass sie ihre Informationen verlieren. Für die Transponder haben wir ein eigenes Gehäuse entwickelt. So lassen sich diese Chips einfach und überall anbringen. Mit Hilfe dieses System können wir nun den weiteren Weg eines jeden Kleidungsstücks nachvollziehen

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Design Kollektion

Schlechter Geruch und Schmutz sind für uns die einzigen störenden Aspekte des Gebrauchs. Selbstverständlich wurde die Kleidung gründlich gereinigt. Andere Merkmale des Verschleisses, wie Löcher, grobe Flecken oder natürliche Gebrauchsspuren wurden zum direkten Gestaltungsmittel. Sie fanden bewusst Platz in unserer Kollektion, wurden hervorgehoben oder aufgewertet, indem wir sie geflickt und besonders positioniert haben. Die Auswahl der Kleider fand zunächst nach Belieben statt. Die Kleidung wurde nach und nach „filetiert“, die besten, interessantesten und für uns kostbarsten Teile sorgsam herausgetrennt. Das war ein neuer und eher ungewöhnlicher Prozess des Kleidermachens. Es gab nicht den klassischen Entwurf oder gar die Kollektionszeichnung, bei der im Vorfeld bereits Stilelemente, Material und Schnitt aufeinander abgestimmt sind, danach Probeteile so genannte ‚toile’ entwickelt werden und so geplant eine Kollektion entsteht. Unser Prozess war vielmehr intuitiv, kombinatorisch. Indem zum Beispiel der Reverskragen eines klassischen Herren-Trenchcoats mit Teilen einer Daunenjacke kombiniert wurde, entstand eine völlig neuartige Gestaltung. Es gab anfänglich selten festgelegte Schnittlinien, sie ergaben sich eher im Prozesshaften des Arbeitens. So entstanden neue teilweise hybride Kleidungsstücke von einer ganz eigenwilligen Ästhetik. Wir kombinierten Reste eines Pelzes mit den Ärmeln eines klassischen karierten Herrensakkos. Aus einer Seidenbluse entstand durch die Additition eines groben Strickgürtels, der aus Resten eines Pullovers gewonnen worden war, ein neues Kleid. Aus Resten des Futters eines Trenchcoates und einem Hosenbund entstand ein weiteres Kleid. Alle so gestalteten Stücke ziehen ihre Spannung aus der Gegenüberstellung von Materialien und Texturen, aber auch durch die ungewöhnliche Kombination von Teilen verschiedener Herkunft zu neuen Hybriden. So wurde zum Beispiel ein Steppmantel mit Versatzstücken aus Baumwollpullover versehen und erhielt den Kragen eines Trenchcoats sowie die Jackentaschen eines Herrensakkos. Einem Lederbluson wurde der Rücken entfernt und es wurde mit Teilen eines Strickpullovers ergänzt, komplettiert durch die Kapuze eines Damenmantels. Trotz der teilweise ungewöhnlichen Materialienkombinationen achteten wir als Gestalterinnen selbstverständlich besonders auf die Aspekte einer spannenden, harmonischen Farbgebung. Auch war uns wichtig, dass die neuen Stücke optisch aufgewertet wurden. Zur Veredelung und Aufwertung und zur Erhöhung des Tragekomforts der gebrauchten Kleidungsstücke wurde das alte Futter mit Seide ersetzt, da es immer der am meisten zerschlissene Teil ist. Daran sieht man deutlich, dass wir keinen „Ökofanatismus“ betreiben wollten. Sondern als Textil- und Modedesignerinnen einen hohen Anspruch an die Qualität und Gestaltung unserer Kleidung legen. Nach unserem Verständnis von Nachhaltigkeit geht es niemals um den Rohstoff an sich, sondern um die Art des Umgangs mit ihm. Die Verwendung von Tropenhölzern steht seit langem in der Kritik. Nach unserer Meinung spricht aber nichts gegen Tropenholz (oder wie in unserem Beispiel Seide), wenn man es zum Beispiel für den Bau von Musikinstrumenten verwendet. Diese Verwendung ist verantwortungsvoll, sparsam angemessen und die so hergestellten Instrumente halten viele hundert Jahre. Langlebigkeit ist eine der entscheidenden Qualitäten in der Diskussion um Nachhaltigkeit.

 

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Fotostrecke zum “Identitätswechsel”
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